BEGEISTERUNG:PREDIGEN - OB Dr. Ulf Kämpfer

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# Predigten

BEGEISTERUNG:PREDIGEN - OB Dr. Ulf Kämpfer

03.08.2025 - Predigttext: Prediger 3, 1-15

Alles hat seine Zeit

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. 10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. 14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. 15 Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist. 

Liebe Gemeinde,

Begeisterung: Predigen – der Titel der Predigtreihe, in deren Rahmen ich heute sprechen darf, kommt ein wenig sperrig daher:

Soll ich begeistert predigen oder über Begeisterung predigen? Ich versuche mich an beidem.

Liest man alle zwölf Kapitel des Buchs Prediger, kann man richtig schlechte Laune kriegen: Alles ist eitel, unser diesseitiges Streben nach Ruhm, Weisheit oder Reichtum ist nur ein Haschen nach Wind. Es gibt viel Ungerechtigkeit auf der Welt, und allzu oft behalten die Törichten und Skrupellosen die Oberhand. Unser Leben währt kurz, alles ist schon mal dagewesen, und richtig verstehen können wir das alles auch nicht.

Da ist ja zweifellos etwas dran. Die Verse Prediger 1 bis 15, die wir eben gehört haben, schlagen aber einen anderen Ton an. Poetischer, versöhnlicher.

Ein Jegliches hat seine Zeit:

Das Schöne und das Schwierige in unserem Leben. Das Stille und das Laute, das Private und das Politische. Nicht alles läuft glatt, wir müssen uns dem Leben immer wieder neu stellen. Das ist anstrengend, aber auch vielfältig, spannend, und wenn es gut läuft, auch erfüllend.

Die für mich zentrale Stelle steht im Anschluss an das berühmte „Lied der Zeiten“: „dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ 

Ich glaube, dieser Text offenbart überzeitliche und auch überreligiöse Weisheiten:  Und er rührt an eine meiner und vermutlich unser aller Lebensfragen: Warum sind wir auf der Welt, und was macht ein gelungenes Leben aus?

Kein Zweifel: Nüchtern betrachtet ist unsere Existenz unbedeutend. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles war schon mal da! Die Welt ist die letzten Milliarden Jahre prima ohne mich, ohne jeden einzelnen von uns ausgekommen, und in den kommenden Milliarden Jahren wird es genauso sein. Unser Leben ist im kosmischen Maßstab nur ein kurzes Flackern. Was daran soll bedeutsam sein?

Das Problem ist: Wir wollen, dass unser Leben sinnvoll ist und auf irgendeine Weise bedeutsam. Der Glaube an Gott ist einer der Wege, dieses Problem zu lösen. Gott ist vielleicht, so hat es der Philosoph Thomas Nagel formuliert, eine unverständliche Antwort auf eine Frage, die wir einfach nicht loswerden können.

Ich für meinen Teil, als zum Agnostizismus neigendes Kirchenmitglied, habe meinen Frieden mit der Frage nach dem Sinn des Ganzen gemacht.

Geholfen dabei hat mir eine kleine Geschichte, die mir vor Jahren erzählt wurde, die in gewisser Weise mein Credo geworden ist und die ich hier nur sinngemäß wiedergeben kann:

Vor vielen Jahrhunderten sandte ein Herrscher im fernen Orient alle Gelehrten seines Reiches aus: Sie sollten eine Bibliothek mit den größten Büchern der Weisheit für ihn zusammenstellen. Als das geschafft war, gab er den Gelehrten auf, die gesammelte Weisheit in einem einzigen Buch zu versammeln. Das nahm viele Monate in Anspruch, aber sie schafften es. Doch der Herrscher nahm das Buch nicht entgegen und stellte eine letzte und noch viel schwierigere Aufgabe: Alle Weisheit der Welt sollten sie in einen einzigen Satz zusammenfassen. Die Gelehrten waren empört, diese Aufgabe zu lösen schien ihnen unmöglich zu sein, aber sie machten sich ans Werk. Es dauerte nicht Tage, nicht Wochen oder Monate, sondern viele Jahre, bis die Gelehrten zum Herrscher zurückkamen. Die weiseste unter ihnen trat zunächst zögernd hervor, sprach dann aber mir klarer Stimme: Herr, wir haben den Satz gefunden. Er lautet: Du lebst!

Du lebst! – Zwei Worte, ein Ausrufezeichen. Was für ein Satz! Ich glaube, die Gelehrten haben Recht, und ich glaube, die Bibel sagt uns an vielen Stellen etwas Ähnliches: Unser Leben währt nur kurz, und mag es voller Mühen sein und oft unverständlich, so sollten wir es nicht verplempern, es nehmen wie es ist und es „guten Mutes“ in die eigenen Hände nehmen.

Was ist nun mein eigener „guter Mut“, der mich antreibt? Und wo kommt er her?

Unser Leben kann, wie Søren Kierkegaard gesagt hat, nur rückwärts verstanden werden, muss aber vorwärts gelebt werden: Was bedeutet das, wenn ich als Kieler Oberbürgermeister und Möchtegern-Ministerpräsident verstehen will, wie meine Begeisterung für die Politik entstanden ist?

Im Rückspiegel meines Lebens muss ich dafür über 40 Jahre zurückschauen. 1983, Astra-Filmtheater in Plön, der Film ist zu Ende, das Licht geht an. Was für eine ungeheuerliche Geschichte hatte ich da gerade gesehen? Ich war zehn Jahre alt und hatte mich von meinen Eltern ins Kino bringen lassen, um dort alleine das dreistündige Epos über das Leben von Mahatma Gandhi zu sehen.

Ich weiß nicht mehr, warum ich diesen Film unbedingt sehen wollte, aber ich weiß, wie tief beeindruckt ich von diesem kleinen, sanften Propheten der Gewaltlosigkeit war, der scheinbar allein mit seiner unerschütterlichen Entschlossenheit ein ganzes Empire in die Knie zwingen und Indien in die Unabhängigkeit führen konnte.

Natürlich gab es viele andere Inspirationen. Die handfeste Nächstenliebe meiner Mutter, das Engagement meines Vaters im Kirchen- und Gemeinderat, Aufenthalte in Auschwitz und Buchenwald, die evangelischen Kirchentage in Frankfurt und West-Berlin, der Fall der Mauer: All das hat mich zu einem jungen Idealisten gemacht, der möglichst schnell die Welt möglichst gründlich verändern wollte – und bis heute immer noch will.

Mir war zwar schon damals vage bewusst, dass ich möglicherweise kein zweiter Gandhi, Martin Luther King oder Willy Brandt werde würde, aber das schmälerte meinen Enthusiasmus und auch mein Verantwortungsgefühl in keiner Weise.

Und wenn mich doch einmal ein Ohnmachts- oder Vergeblichkeitsschauer ereilte, dachte ich an einen der Sinnsprüche meiner Mutter, wonach die ganze Dunkelheit der Welt nicht ausreicht, um das Licht einer einzigen Kerze zu löschen. Wenigstens so eine kleine helle Kerze zu sein, dachte ich mir, müsste doch zu schaffen sein!

Doch zurück zum Buch des Predigers:

„Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

Hier geht es darum, einen unverzagten, zuversichtlichen Zugriff auf das Leben zu nehmen. Auch für die engagierte, politische Seite meines Lebens sind diese Ermunterungen wichtig. In jüngeren Übersetzungen wird das „gütlich tun“ mit „genießen“ übersetzt, aber ich habe es immer eher wie „tatkräftig sein“ oder „anpacken statt rumschnacken“ verstanden. 

Denn ich wollte nie einfach nur Recht haben, nicht nur die Backen aufblasen, sondern pfeifen, in meiner eigenen Melodie, also Dinge konkret verändern und wenn möglich verbessern, auch wenn, da spreche ich aus reichlicher Erfahrung, das viel leichter gesagt als getan ist.

Was begeistert mich nun aber konkret daran, Politiker und Oberbürgermeister zu sein?

Für mich ist Kommunalpolitik nicht die Kinderstube, sondern die Königsdisziplin der Demokratie. Die Fülle und Vielfalt der Aufgaben, die konkreten Ergebnisse meiner Arbeit und die Reaktionen darauf: Viele schreckt das ab, ich finde das toll.

Die Gemeindeordnung sagt, meine Aufgabe sei es lediglich, die Verwaltung zu leiten und die Beschlüsse der Ratsversammlung umzusetzen. Das wäre ziemlich langweilig, jedenfalls wenn man ein so politischer Mensch ist wie ich es bin.

Zum Glück stecken in meinem Amt große Gestaltungsmöglichkeiten: Ich kann selber Projekte anstoßen oder verhindern, muss Alltagsprobleme lösen und darf Visionen entwickeln. Ich kümmere mich um die Rattenplage in Gaarden, um eine sichere Kieler Woche oder um neue Baugebiete, um die Sanierung des Konzertsaals oder um kaputte Fliesen im Hörnbad und um unendlich vieles mehr!

Ich tue das natürlich nicht alleine: Wir sind mehr als 6000 Menschen in der Kieler Stadtverwaltung und mehr als 5000 in den städtischen Betrieben wie dem Städtischen Krankenhaus oder den Stadtwerken. Wir halten die Stadt am Laufen. Wir können kein gutes Leben garantieren, aber wir ermöglichen es. Und wenn wir keinen guten Job machen, ist das oft nur ärgerlich, aber manchmal auch existenziell: Die Kielerinnen und Kieler verlassen sich darauf, dass Strom und Wasser fließen, Bus, Feuerwehr oder Rettungswagen kommen, das Wohngeld rechtzeitig überwiesen wird, die Kita öffnet und der Müll abgeholt wird: Um all das kümmert sich die Stadt, und es ist meine Aufgabe, dass alles klappt. Ob das Vertrauen in unsere Demokratie gestärkt wird oder weiter an Rückhalt verliert, hängt auch von mir ab.

Das ist eine große Verantwortung, die ich jeden Tag spüre. Die mich belastet, aber auch trägt, anspornt und in diesem Sinne auch begeistert.

Guten Mutes zu sein bei allen Mühen, das ist keine Selbstverständlichkeit, und war es vermutlich noch viel weniger, als der Text des Predigers vor über 2000 Jahren entstanden ist.

Allen Widrigkeiten und Enttäuschungen zum Trotz seinen guten Mut in einer oft sinnlos und schreiend ungerecht erscheinenden Gegenwart zu bewahren ist wahrlich eine „Gabe Gottes“, denn gerade in der Politik laufen wir immer Gefahr, in Routine, Resignation oder Zynismus abzugleiten.

Und es gibt noch eine weitere Komplikation, auf die uns der Predigertext hinweist: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

Auch wenn unser Leben einen höheren, von Gott oder auf andere Weise bestimmten Sinn hat, sind unsere Weisheit und Erkenntnis begrenzt. Das Universum ist vielleicht verstehbar, aber nicht für uns.

Ich empfinde diese Unverstehbarkeit der Welt nicht als Bürde, sondern als Befreiung: Wenn wir gar nicht alles ergründen können, können wir uns pragmatisch und tatkräftig auf die Welt einlassen und sie gestalten, so gut wir es eben vermögen.

Wir haben dabei nicht alles in der Hand, aber Einiges doch.

An diesen Zusammenhang werde ich jedes Jahr aufs Neue erinnert, wenn ich im Sommerurlaub auf Hiddensee den Spruch am Pfarrhaus in Kloster lese: „Gottes sind Woge und Wind, Segel aber und Steuer, sind euer. Dass ihr den Hafen gewinnt.“

Segel setzen, den Kurs halten, den Hafen gewinnen: Darum geht es! Denn die Welt wird nicht von alleine gut. Aber sie kann besser gemacht werden.

Und das trifft ganz konkret auf die politische Ordnung des Grundgesetzes zu, in der wir leben: Sie ist verteidigungswert, aber auch verbesserungswürdig.

Wie in der Kommunalpolitik gilt überall: Politik soll ein gutes Leben ermöglichen, kann es aber nicht garantieren. Und immer, wenn eine Religion oder eine Ideologie das wahre, gute Leben erzwingen wollte, ist es furchtbar schief gegangen.

Hier schließt sich der Kreis zwischen der Politik und unserem kleinen eigenen Leben: Fröhlich sein, sich gütlich tun, guten Mutes sein können trotz aller Mühen – das ist alles andere als selbstverständlich, dazu müssen wir nur nach Gaza, in die Ukraine und an unzählige weitere Orte der Welt schauen – oder auch nach Kiel.

Es ist Aufgabe von Politik, von Politikerinnen und Politikern, Bürgerinnen und Bürgern, die Bedingungen für ein Leben ohne Not, in Würde und Freiheit, zu schaffen. Eine solche Politik hat kein Kollektiv zum Ziel, sondern die Würde jedes Einzelnen. Sie zu verwirklichen bleibt am Ende immer eine individuelle Aufgabe, die uns niemand abnehmen kann.

Der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin hat diese Aufgabe so beschrieben:

„Ohne Würde währt unser Leben nur einen Augenblick, aber wenn es uns gelingt, ein gutes und gelungenes Leben zu führen, können wir damit etwas Größeres schaffen. Wir fügen unserer Sterblichkeit gewissermaßen einen Verweis hinzu und machen unser Leben zu einem winzigen Diamanten im Sand des Kosmos.“

Mahatma Gandhi ist ganz gewiss so ein Diamant im kosmischen Sand – er hat mich nie ganz losgelassen.

Heute sehe ich ihn viel differenzierter, viele seiner konkreten politischen Vorstellungen für das Indien der Zukunft waren hoffnungslos naiv und zum Scheitern verurteilt.

Noch lehrreicher ist aber, dass mit dem größten Triumph, der Unabhängigkeit Indiens, auch die Spaltung Indiens in einen hinduistisch und einen muslimisch dominierten Teil verbunden war mit Millionen Toten und Vertriebenen.

Selbst die besten Absichten bewahren uns offensichtlich nicht davor, zu scheitern oder sogar Schreckliches auszulösen. Das sollte alle politisch Verantwortlichen Demut lehren.

Gandhi wurde wenige Monate nach der Unabhängigkeit Indiens von einem Hindu-Nationalisten erschossen. Seine letzten Worte, als sein „Du lebst!“ endete, waren „He, Ram!“ was ich frei mit „Hey, Gott!“  übersetze, und es bleibt offen, ob er damit Verzweiflung, Überraschung oder Vorfreude ausdrücken wollte.

Ein Jegliches hat seine Zeit. Sterben hat seine Zeit.

Heute aber leben wir. Vermasseln wir es nicht.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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